“Life-Stories of (Yu)-Migration” : biografische Narrative als digitale Bildungsressource zur Diversifizierung der historisch-politischen Bildung in der Schweiz

Abstract

Die Schweiz ist durch Migration geprägt: Mehr als 40 % der Bevölkerung haben laut Bundesamt für Statistik (2016) einen Migrationshintergrund, darunter auch Angehörige der zweiten und dritten Generation. Dennoch hat die Migrationsgeschichte das Selbstbild der Schweiz bislang nur wenig geprägt. Anders als beispielsweise in Deutschland, wo 2001 öffentlich anerkannt wurde, dass Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft ist (Foroutan, 2018), bleibt Migrationsgeschichte im Schweizer öffentlichen Selbstverständnis häufig unsichtbar. Vielfalt gilt zwar als Teil des Schweizer Selbstbilds, wird jedoch vielfach auf vier offiziell anerkannte Sprachen und Sprachregionen reduziert. Lüthi und Skenderovic (2019, 11) halten fest, dass die Schweizer Geschichtsschreibung Migration noch nicht in ihr «master narrative» aufgenommen hat, obwohl die Schweiz gerade in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch Arbeits- und Fluchtmigration zu einem Land der Zuwanderung wurde und Migration wesentlich zum Wohlstand beigetragen hat und weiterhin beiträgt. Während zahlreiche europäische Länder Initiativen gestartet haben, um Geschichts- und Erinnerungskulturen zu diversifizieren und Wissen über Migration einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hängt die Schweiz hinterher. Zugleich wächst das Interesse daran, die vielfältige historische Erfahrungen der Schweizer Bevölkerung stärker im öffentlichen Diskurs und in Bildungsinhalten sichtbar zu machen (Jain, 2020; Marti, 2021; Schär, 2016). Parallel dazu rücken die Verflechtungen der Schweiz mit kolonialen Geschichten verstärkt ins Zentrum wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit (Schär, 2016; Kuhn et al., 2021). Forschende weisen zudem darauf hin, dass Migration alle europäischen Gesellschaften in postkoloniale Gesellschaften verwandelt, «da sie globale Vielfalt ins Innere europäischer Territorien projiziert» (Römhild, 2014, S. 263). Diese Erfahrungen spiegeln sich bislang jedoch kaum in Bildungsinhalten der Schweiz wider (Kuhn et al., 2021; Schär, 2016). Die öffentliche Bildung steht damit vor der Aufgabe, historisch-politische Bildung zu diversifizieren und andere Geschichten und Narrative einzubringen, wie jene der Migration (Müller-Suleymanova 2024; Georgi & Ohliger, 2009). Georgi (2009, 106) argumentiert, dass der «nationalgeschichtlich geprägte Geschichtsunterricht sowie die Gedenk- und Erinnerungsarbeit gleicher Prägung sich interkulturell öffnen müssen». Vor diesem Hintergrund befasst sich das Projekt “Life-Stories of (Yu)-Migration” mit einem für die Schweiz besonders relevanten Thema, das im Unterricht jedoch kaum berücksichtigt wird: die Migration aus dem ehemaligen Jugoslawien in die Schweiz. Anhand der Lebensgeschichten junger Menschen der sogenannten «zweiten Generation» erzählt das Projekt die Geschichte der Migration aus dem Raum des ehemaligen Jugoslawiens und setzt sich mit Themen wie den Jugoslawienkriegen, dem Genozid von Srebrenica, Flucht, Arbeitsmigration, Integrationsprozessen, Diskriminierung, Popkultur und weiteren Aspekten auseinander. Migration erscheint damit nicht als eindimensionale «Herkunfts-/Ankunftsgeschichte», sondern als vielschichtiges Geflecht aus Krieg, Flucht, Familien- und Bildungsgeschichten, Aushandlungen von Zugehörigkeit sowie Erfahrungen gesellschaftlicher Vielfalt. Dabei werden die biographisch-narrative Interviews, die im Rahmen eines abgeschlossenen Forschungsprojektes (Müller-Suleymanova, 2023; 2024) erhoben wurden, multimedial und zielgruppengerecht aufbereitet. Die Life-stories der ausgewählten Protagonistinnen werden durch kurze Hintergrundinformationen historisch kontextualisiert, mit Fotos, Video- und Audiomaterialen sowie Archiv- und historischen Dokumenten angereichert. Ziel ist es, eine frei zugängliche digitale Bildungsressource für die Sekundarstufe I und II zu entwickeln und diese im Rahmen von begleitenden Workshops an ausgewählten Schulen zu erproben. Theoretisch knüpft der Beitrag an Michael Rothberg’s (2009) Konzept multidirektionaler Erinnerung an, das kollektive Erinnerungen nicht im Konkurrenzverhältnis, sondern als dynamischen, dialogischen und relationalen Prozess versteht, in dem unterschiedliche historische Erfahrungen miteinander in Beziehung treten und neue Bedeutungen hervorbringen. Im Beitrag wird darüber hinaus aufgezeigt, wie digitale Biografiearbeit transversale Kompetenzen von Schüler:innen fördern kann, darunter Multiperspektivität, Kontroversität, historisches Kontextualisieren, Analyse gesellschaftlicher und historischer Zusammenhänge sowie Arbeit mit Quellen wie biographisch-narrative Interviews. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Beitrag des Projekts zur Demokratiebildung, indem es historisches Lernen mit Fragen des Zusammenlebens in einer pluralen Gesellschaft verknüpft.

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